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23.04.2007 |
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Stellungnahme zum Kurzbericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit über die Spätaussiedlerarbeitslosigkeit (Ausgabe Nr. 8 / 2.4.2007)
Die Studie des IAB vermittelt eine Botschaft, dass deutsche Spätaussiedler den "höchsten Anteil an den Arbeitslosen aufweisen" und von ihnen "ein gutes Drittel arbeitslos ist". Bereits eine einfache Analyse des IAB-Papiers zeigt, dass dieser Studie unkorrekte Forschungsmethoden und Zahlen, Quoten und Identifizierungskriterien zugrunde gelegt worden sind, die dann zwangsläufig zu falschen Schlussfolgerungen führen.
Die Autoren dieses IAB-Papiers geben selbst zu, dass aufgrund fehlender Daten "eine differenzierte Betrachtung der Arbeitsmarktintegration von Spätaussiedlern kaum möglich ist". Aber anstatt diese Gruppe mit bewährten wissenschaftlichen Forschungsmethoden zu untersuchen, um danach die Ergebnisse mit den offiziellen Daten der Bundesanstalt für Arbeit zu vergleichen, wurde von ihnen eine unnötig komplizierte Methode ausgesucht, verbunden mit einer ziemlich willkürlichen Quotenauswahl und bedenklichen Identifizierungskriterien. Kein Wunder dass dann die Ergebnisse der Studie von allen bisher festgestellten und breit bekannten Tatsachen gravierend abweichen.
Nur auf einige von den vielen Fehlern möchte ich hier etwas eingehender hinweisen:
- Um die Arbeitslosigkeit der Spätaussiedler festzustellen braucht man nicht 645.455 Daten der Spätaussiedler zu analysieren. Bei einer wissenschaftlich begründeten Auswahl der Quoten können es, ohne die Genauigkeit der Ergebnisse wesentlich zu gefährden, mehr als hundertfach weniger Probanden (Datensätze) sein.
- In dem erfassten Zeitraum (2000-2004) sind insgesamt - mit Minderjährigen, Rentnern, Selbständigen und anderen - nur 413.596 Spätaussiedler aus der ehemaligen UdSSR angekommen. Spätaussiedler aus osteuropäischen Ländern gab es kaum. Woher haben die Autoren der Studie für diesen Zeitraum 645.455 Datensätze von arbeitsfähigen Spätaussiedlern aufbringen können?
- Zum Vergleich wurden Daten von 440.144 einheimischen Deutschen und von 9.402.822 Ausländern analysiert. Bei einer korrekten Quotenauswahl, wie schon hingewiesen, braucht man nicht die Daten von 440.144 einheimischen Deutschen bearbeiten, es können auch vielfach weniger sein. Aber woher haben die Autoren der Studie Daten von 9.402.822 arbeitsfähigen Ausländern „zusammengekratzt“? So viele gab es in Deutschland noch nie! Im Jahre 2004 gab es insgesamt in Deutschland 7.288.000 Ausländer. Darunter sind mitgerechnet auch die Minderjährigen, die Rentner, die Selbständigen etc., die in keiner Arbeitsamtsstatistik geführt werden.
- Übrigens, es hatte überhaupt keinen Sinn die Arbeitslosenquoten dieser zwei Gruppen (die der Ausländer und der einheimischen Deutschen) zu untersuchen, weil es für sie in Deutschland eine relativ genaue Arbeitsamtsstatistik gibt und die Forschungsergebnisse waren schon immer ganz nahe zu den offiziellen Angaben der Bundesanstalt für Arbeit. Anders kann das eigentlich auch nicht sein! Kein Zufall also, dass es mit den Daten der Studie des IAB für diese zwei Gruppen nicht viel anders aussieht. So war im Jahre 2000 nach offizieller Statistik der Anteil der Arbeitslosen bei den Ausländern 17,3 % und im Jahre 2004 - 20,5 %. Laut dem IAB-Bericht waren es entsprechend 16,1% und 19,8%. Ähnliche Daten ergaben sich auch bei den einheimischen Deutschen. Man kann sehen, dass die Arbeitslosenquoten im IAB-Papier nicht, wie es behauptet wird, „höher als die üblicherweise veröffentlichten Arbeitslosenquoten und daher mit diesen nicht vergleichbar“ sind, sondern sind sogar etwas niedriger, und durchaus vergleichbar.
- In der Studie des IAB wurde nicht berücksichtigt, dass bei Spätaussiedlern das erste Jahr nach der Einreise ein „Eingliederungsjahr“ ist, das mit Statusfeststellung, Anmeldungen und Integrationssprachkursen ausgefüllt ist. Eine Arbeitsaufnahme in diesem Jahr ist kaum möglich. Wenn nur fünf Jahre nach der Einreise mit der Statistik erfasst sind, dann ergibt das erste Jahr alleine rein rechnerisch einen Anteil an der Arbeitslosenquote von 20%.
Insbesondere auf einem angespannten Arbeitsmarkt darf man die Situation eines Neuankömmlings keinesfalls direkt mit den anderen Bevölkerungsgruppen vergleichen. Wenn man zumindest die ersten zwei Jahre als für einen korrekten Vergleich nicht relevant betrachtet und in der Studie die Spätaussiedler über die ersten fünf Jahre hinaus „begleitet“, kommt man zu ganz anderen Ergebnissen, als dies in der IAB-Untersuchung der Fall ist.
In solch einer von mir durchgeführten Studie waren die Ergebnisse mit den statistischen Daten der Bundesagentur für Arbeit durchaus vergleichbar (siehe Tabellen 1 und 2). Die Daten belegen eindeutig, dass es auf keinen Fall stimmen kann, dass die Arbeitslosigkeit unter den Spätaussiedlern weit über dem Bundesdurchschnitt liegt, wie in der IAB-Studie behauptet wird, sondern im Gegenteil stets unter dem Gesamtdurchschnitt in Deutschland zu finden ist.
Tabelle 1. Tabelle 2. Arbeitslosenquoten Jahresdurchschnitte ALQ Aus- und Spätaussiedler (AuS), (ALQ bezogen auf abhängige zivile die 2 Jahre u. länger in Deutschland Erwerbspersonen) leben. (Stat. ALQ f. AuS gibt es keine.) Jahr BRD West Ost Ausländ. Aussiedler und Spätaussiedler1995 10,4 9,3 14,9 16,6 9,5 1996 11,5 10,1 16,7 18,9 11,2 1997 12,7 11,0 19,5 20,4 10,9 1998 12,3 10,5 19,5 20,3 11,9 1999 11,7 9,9 19,0 19,2 10,2 2000 10,7 8,7 18,8 17,3 9,1 2001 10,3 8,3 18,9 17,4 9,8 2002 10,8 8,7 19,5 19,1 10,4 2003 11,6 9,3 20,1 20,4 10,7 2004 11,7 9,4 20,1 20,5 11,4 Quelle: Bundesanstalt für Quelle: Forschungsergebnisse Dr. D.Dorsch, Arbeit, Nürnberg, 2005 1995-2004.
So lag der Anteil an Arbeitslosen bei den Spätaussiedlern im Jahre 2000 bei 9,1% und im Jahre 2004 bei 11,4%. Dies hat auch seine Erklärung: wenn die Spätaussiedler keinen Arbeitsplatz finden, der dem erlernten Beruf entspricht, dann nehmen sie auch eine einfachere Arbeit auf. Darauf deutet auch die Gesamtzahl der Arbeitslosen bei den Spätaussiedlern. Sie ist von 2000 bis 2004 von 77.377 auf 55.500 zurückgegangen, also um 28.3% (siehe Tabelle 3). Ähnlicher Rückgang war auch in den Jahren 1998 und 1999 zu vermerken, trotz dem andauerndem Anstieg der Gesamtzahl der aufgenommenen Spätaussiedler.
Tabelle 3. Arbeitslose Spätaussiedler Jahresdurchschnitt insgesamt1995 138.266 1996 143.823 1997 150.970 1998 126.035 1999 99.659 2000 77.377 2001 64.770 2002 59.367 2003 58.224 2004 55.500 Quelle: Bundesanstalt für Arbeit, Nürnberg, 2005
Die auffallend falschen Ergebnisse des IAB über die angeblich exorbitante Arbeitslosigkeit unter den Spätaussiedlern (über 30% im Durchschnitt und über 40% bei den qualifizierten Fachkräften!) sind erstaunlicherweise sofort an mehrere große Zeitungen weiter gegeben und auf diesem Wege in die breite Öffentlichkeit gebracht worden, ohne sich über die möglichen Auswirkungen dieser Falschmeldung Gedanken zu machen.
In der Zeitung „BILD“ vom 03.04.07 ist zum Beispiel auf der Seite 2 unter der Rubrik „Politik und Wirtschaft“ folgende Mitteilung zu finden: „Spätaussiedler ohne Job. Nürnberg – Mehr als 30% der deutschstämmigen Zuwanderer sind arbeitslos. Bei Ausländern liegt die Quote laut Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bei 20 %.“ Der Gedanke, den man dem Leser dabei zu vermitteln, ja praktisch aufzuzwingen versucht, ist mehr als sonnenklar!
Wir haben bereits allerorts schlimme Folgen für die Integration der Spätaussiedler zu beobachten, die durch die Desinformation der Bevölkerung wegen der angeblich hohen Kriminalitätsbelastung verursacht wurde. Es gibt auch andere Fälle, wo die Volksgruppe der Deutschen aus Russland als „Sündebock“ missbraucht wurde. In diesem Zusammenhang stellt sich für mich zwangsläufig die Frage, ob es wirklich nur inkompetente Arbeit der Mitarbeiter des oben genannten „Forschungsinstituts“ der Bundesagentur für Arbeit war? Oder ob hier vielleicht nicht doch eine gewisse böse Absicht mit einem politischen Hintergrund zu vermuten wäre?
Die Antwort darauf wird wohl nicht zuletzt davon abhängen, welche Position die Führung der Bundesagentur für Arbeit in der Bewertung dieser „Forschungsarbeit“ einnimmt.
Daniel Dorsch Dr. Philosophie, Dr. habil. der soziologischen Wissenschaften Bundesinnovationsreferent der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V.
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